Die Fachkraft für Lederherstellung und Gerbereitechnik verwandelt tierische Rohhäute durch chemische und mechanische Prozesse in hochwertiges Leder. Der Beruf verbindet handwerkliches Können mit chemisch-technischem Wissen und ist Teil einer traditionsreichen, aber hochspezialisierten Branche. Er eignet sich für Menschen mit Interesse an Materialkunde, Chemie und industriellen Produktionsprozessen.
Ausbildungsdauer
3 Jahre
Azubi-Gehalt
550–800 €
pro Monat
Einstiegsgehalt
ab 2200 €
nach der Ausbildung
Prüfung
IHK-Abschluss
Der Arbeitsalltag findet überwiegend in der Gerberei oder Lederfabrik statt – einer Kombination aus Produktionshalle, Labor und Maschinenraum. Morgens beginnt die Arbeit mit der Kontrolle laufender Gerbereimaschinen wie Walkfässern, Entfleischmaschinen oder Spaltmaschinen. Rohhäute werden angenommen, sortiert und für die Weiche vorbereitet, bei der sie in Soakingbädern aufgeweicht werden. Im Laufe des Vormittags werden Bäder für die Äscherung mit Natriumsulfid und Kalk angesetzt und Häute durch die Beamingmaschine geführt, um Haare und Fleischreste zu entfernen. Nachmittags stehen Gerbprozesse im Mittelpunkt: Chromgerbung mit Chromsulfat oder vegetabile Gerbung mit Tanninen wird in rotierenden Fässern durchgeführt. Dazu kommen Retuschen, Zurichtungsarbeiten mit Walzen und Appretiermaschinen sowie die Qualitätskontrolle mittels pH-Wert-Messung und Dickenprüfung. Man arbeitet eng mit Laboranten, Maschinenführern und Qualitätssicherungspersonal zusammen.
Fachkräfte arbeiten in Lederfabriken und Gerbereien, Schuhoberlederwerken, Autolederherstellern und Polsterlederproduktionsbetrieben. Bekannte Arbeitgeber sind Unternehmen wie Wollsdorf Leder, Boxmark Leather oder Weinheimer Leder sowie Zulieferer für BMW, Mercedes und Audi. Die Branche ist stark mittelständisch geprägt. Aufgrund der Spezialisierung und des Strukturwandels in der deutschen Lederindustrie ist der Ausbildungsmarkt klein, aber es besteht ein deutlicher Fachkräftemangel – Absolventen haben sehr gute Übernahmechancen.
Ein mittlerer Schulabschluss (Realschulabschluss) wird empfohlen, da Chemie, Mathematik und Biologie wichtige Grundlagenfächer sind. Grundkenntnisse in Chemie sind unverzichtbar, um Gerbprozesse zu verstehen und Badansätze korrekt zu berechnen. Technisches Verständnis für Maschinen und Produktionsabläufe ist ebenso wichtig wie ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein beim Umgang mit umweltrelevanten Chemikalien. Sorgfalt, Beobachtungsgabe für Materialveränderungen sowie körperliche Belastbarkeit – da die Arbeit mit schweren Häuten und in feuchten Umgebungen stattfindet – sind entscheidende persönliche Stärken.
Im ersten Lehrjahr stehen die Grundlagen der Rohwarenkunde im Mittelpunkt: Aufbau und Eigenschaften tierischer Häute und Felle, Grundprinzipien der Wasserwerkstatt (Weiche, Äschern, Beizen) sowie Arbeitssicherheit und Umweltschutz beim Umgang mit Chemikalien wie Kalk, Säuren und Gerbstoffen. Grundlegende Maschinenkunde zu Entfleischmaschinen und Spaltmaschinen wird ebenfalls vermittelt. Im zweiten Lehrjahr vertiefen sich die Kenntnisse in den verschiedenen Gerbverfahren – Chromgerbung, vegetabile Gerbung, Kombinationsgerbung – sowie in der Nasszurichtung: Neutralisation, Fettung und Färbung von Leder. Im dritten Lehrjahr folgt die Spezialisierung auf die Trockenzurichtung, Appretierung, Oberflächenbehandlung mit Lackiersystemen und Prägeverfahren sowie auf Qualitätsprüfungen nach DIN/ISO-Normen. Anders als Gerber in handwerklichen Betrieben arbeiten Fachkräfte stärker an industriellen Produktionsanlagen und übernehmen Prozesssteuerung.
Die Abschlussprüfung nach BBiG gliedert sich in einen schriftlichen und einen praktischen Teil. Die Zwischenprüfung findet Mitte des zweiten Lehrjahres (ca. 18. Ausbildungsmonat) statt und umfasst eine schriftliche Prüfung von 120 Minuten zu Grundlagen der Wasserwerkstatt, Rohwarenkunde und Arbeitssicherheit sowie eine praktische Aufgabe von etwa 60 Minuten. Die Abschlussprüfung Teil 2 erfolgt am Ende des dritten Lehrjahres. Der schriftliche Bereich umfasst drei Prüfungsbereiche: 'Lederherstellungsprozesse' (90 Minuten, 30 % Gewichtung), 'Technologie und Chemie' (90 Minuten, 30 % Gewichtung) sowie 'Wirtschafts- und Sozialkunde' (60 Minuten, 10 % Gewichtung). Die praktische Prüfung besteht aus einer betrieblichen Arbeitsaufgabe – beispielsweise der Durchführung eines vollständigen Gerbprozessabschnitts mit Dokumentation und Qualitätskontrolle – über etwa 7 Stunden (30 % Gewichtung). Abschließend findet ein Fachgespräch von ca. 15 Minuten statt. Zum Bestehen sind in allen Prüfungsbereichen mindestens 50 von 100 Punkten erforderlich.
Prüfungsthemen
Nach der Ausbildung kann man sich zum Industriemeister Fachrichtung Textil/Leder (IHK) weiterqualifizieren und Schichtleiter- oder Fertigungsleiteraufgaben übernehmen. Der staatlich geprüfte Techniker für Textiltechnik oder Chemietechnik eröffnet Positionen in der Arbeitsvorbereitung und Qualitätssicherung. Einschlägige Studiengänge sind Leder- und Kunstledertechnik (Hochschule Albstadt-Sigmaringen), Textiltechnologie oder Werkstoffwissenschaften. Nach 5–10 Jahren sind Positionen als Produktionsleiter, Qualitätsmanager oder technischer Einkäufer realistisch. Das Gehalt wächst von ca. 2.200–2.600 EUR brutto (Berufseinsteiger) auf 3.200–4.200 EUR brutto in Führungspositionen. Spezialisierungen sind möglich in der Lederchemie, nachhaltigen Gerbverfahren oder der Automobilzulieferung.
Bewerbungen sollten 12–18 Monate vor Ausbildungsstart (also ab Frühjahr des Vorjahres) eingereicht werden, da nur wenige Ausbildungsplätze deutschlandweit vergeben werden. Die Bewerbungsmappe sollte ein aussagekräftiges Anschreiben mit Bezug auf Interesse an Chemie und Materialverarbeitung, einen tabellarischen Lebenslauf sowie die letzten zwei Schulzeugnisse enthalten. Im Vorstellungsgespräch werden häufig grundlegende Chemie-Kenntnisse und technisches Verständnis abgefragt. Einige Betriebe setzen einen schriftlichen Eignungstest zu Mathematik, Chemie und Allgemeinwissen ein. Besonders überzeugend wirken Bewerber, die ein Praktikum in einer Gerberei oder einem lederverarbeitenden Betrieb vorweisen können und Kenntnisse über Umweltschutzauflagen in der Lederindustrie zeigen.
Ratgeber
Die Fachkraft für Lederherstellung und Gerbereitechnik ist ein 3-jähriger anerkannter Ausbildungsberuf nach BBiG. Das Ausbildungsgehalt liegt je nach Betrieb und Lehrjahr zwischen 550 und 800 Euro monatlich. Nach der Ausbildung verdienen Berufseinsteiger in der Leder- und Gerbereibranche durchschnittlich ab 2.200 Euro brutto monatlich.
Sticker
Sticker sind Fachkräfte der Textilindustrie, die mit Stickmaschinen und Handstickerei Muster, Logos und Dekorationselemente auf Stoffe aufbringen. Sie arbeiten mit computergesteuerten Mehrkopf-Stickautomaten, Digitalisierungssoftware und verschiedenen Garnen und Grundgeweben. Der Beruf eignet sich für Menschen mit handwerklichem Geschick, räumlichem Denkvermögen und Freude an der Verbindung von Technik und gestalterischer Arbeit.
3 Jahre →
Produktionsmechaniker Textil
Produktionsmechaniker Textil stellen textile Flächen und Garne auf industriellen Maschinen her und überwachen vollautomatische Webstühle, Strick- und Wirkmaschinen sowie Spinn- und Zwirnmaschinen. Dieser Beruf verbindet handwerkliches Geschick mit technischem Maschinenverständnis und Qualitätsbewusstsein. Er eignet sich für Menschen, die präzise arbeiten, technische Abläufe durchschauen und gerne in der Produktion tätig sind.
3 Jahre →
Produktveredler Textil
Produktveredler Textil sind Fachkräfte, die Textilien durch chemische und mechanische Verfahren wie Färben, Bleichen, Beschichten oder Veredeln funktional und optisch aufwerten. Die Ausbildung verbindet handwerkliches Geschick mit chemisch-technischem Verständnis und maschinellem Betrieb. Sie eignet sich für Jugendliche mit Interesse an Textiltechnik, Chemie und präzisem Arbeiten an komplexen Produktionsanlagen.
3 Jahre →
Segelmacher
Segelmacher fertigen und reparieren Segel, Planen, Zelte, Markisen und andere technische Textilien aus Hochleistungsgeweben wie Dacron, Mylar, Dyneema oder Carbonfaserlaminaten. Der Beruf verbindet handwerkliches Geschick beim Nähen und Konfektionieren mit physikalischem Verständnis für Windkräfte und Segelgeometrie. Er eignet sich für Menschen mit Freude an Präzisionsarbeit, maritimem Umfeld und dem Umgang mit modernen Hochleistungsmaterialien.
3 Jahre →